Einmal hoch hinaus bitte


Johann Georg von Dillis, Wolken mit Theatinerkirche, 1821
Johann Georg von Dillis, Wolken mit Theatinerkirche, 1821

Menschen ähneln Wolken. Oder ist es umgekehrt? Das menschliche Leben ist unbeständig. Mal geht es bergauf, dann wieder bergab. Menschen verändern stets ihre Gestalt. Nehmen an Gewicht zu und wieder ab. Verändern ihre Haarfarbe, ihren Kleidungsstil, und ihren Charakter im Laufe ihres Lebens. Was bleibt am Ende von ihnen übrig?

– Nichts.

Kaum anders ist es mit Wolken. Ob grau, weiß, orange, lila, rund, oval, zerfetzt oder kaum sichtbar. Sie verweilen nicht lange und ziehen doch nur an der Erde vorüber.

Das Leopold Museum in Wien und das 2013 wiedereröffnete Lenbachhaus in München haben diesen Sommer Wolken zum Schwerpunkt ihres Ausstellungprogrammes gemacht.

„Das Festhalten von Flüchtigem, und die Klassifikation von Wolkenformen, ist ein Phänomen, dass sich im 18. Jahrhundert herausgebildet hat,“ erzählt mir Frau Dr. Karin Althaus, die Kuratorin und Sammlungsleiterin für das 18. und 19. Jahrhundert am Lenbachhaus.

Die Entstehung von Wolkenstudien

Ein verstärktes Interesse für Wolken als Subjekt der Kunst ist vor allem entstanden nachdem der englische Chemiker Luc Howard eine wissenschaftliche Arbeit (1802) über Wolken publizierte. Er kategorisierte die Form der Wolken und teilte sie, abhängig von ihrer Höhenlage in der Atmosphäre, in Cumulus, Stratus, Cirrus und Nimbus ein. „Dies hat Johann Wolfgang von Goethe sehr interessiert, und er hat versucht dies im deutschsprachigen Raum zu verbreiten. Was wiederum dazu geführt hat, dass vermehrt Künstler gesucht wurden um Wolkenstudien anzufertigen.“ Es könne jedoch nicht mit Sicherheit gesagt werden, wann sich Künstler das erste Mal mit diesem Thema auseinander gesetzt haben.

Credits by http://eo.ucar.edu/webweather/cloud3.html

Die Arbeit der Wissenschaftler zu dieser Zeit beruhte somit teilweise auf schnell angefertigten Studien von Künstlern. Einige Wissenschaftler sprachen sich mit den Künstlern ab und „bestellten“ Wolkenbilder. Dr. Karin Althaus meint, dass das Konzept „der eine sagt was er will und der andere lieferte“ nicht  funktioniert habe, da nicht auf Befehl hin bestimmte Wolkenstudien angefertigt werden konnten.

Bereits vor Veröffentlichung von Howards Studien haben Künstler verschiedenste Wolkenstudien angefertigt um die Stimmung in ihren Landschaftsmalereien zu färben. Das Anfertigen von Wolkenbildern war nicht einfach. Einzelne Künstler haben maximal eine halbe Stunde für Wolkenstudien eingeplant, um nur eine einzige Tageszeit und Stimmung festzuhalten. “Jedoch ist das für Wolkenstudien natürlich schon fast zu lange,” meint Frau Dr. Althaus.

Deutsche Wolkenstudien im 19. Jhdt.

Die mitunter bekanntesten deutschen Wolkenstudien stammen von dem Künstler Johann Georg von Dillis. Aufmerksam geworden auf diese Art von Naturstudien ist er durch die enge Zusammenarbeit mit einem Meteorologen. Auf Grund seiner Anstellung als Kunsteinkäufer und Museumsgestalter in München blieb ihm jedoch nicht viel Zeit für Wolkenstudien. Deshalb fertigte er die Skizzen vor allem mit weißer oder schwarzer Kreide auf blau, oder grau gefärbtem Papier an. Weitere bekannte Wolkenstudien stammen von Caspar David Friedrich, Johan Christian Clausen Dahl, und Adolph Menzel.

Ein Jahr nach Dills veröffentlichte der Engländer John Constable „20 studies on clouds“ (1822). Diese 20 Studien waren als Vorstudien für größere Werke gedacht, wie zum Beispiel für das untere Bild. „Wolken sind ein ganz wichtiges Element für die Stimmung eines Bildes, und Wolkenstudien hat man im 17. Jahrhundert natürlich schon gemacht“, erklärt Frau Dr. Karin Althaus.

John Constable, Wolkenstudie, 1822 © The Samuel Courtauld Trust, The Courtauld Gallery, London

Spätere Wolkenstudien

Nicht nur Künstler der Romantik haben großen Gefallen an dem Phänomen der Wolken gefunden. Auch Impressionisten, wie Claude Monet und Paul Cézanne, sowie der Pop Art Künstler Andy Warhol und der Surrealist René Magritte haben Wolken zum Mittelpunkt einiger ihrer Kunstwerke gemacht. Es ist ganz offensichtlich: die freie Interpretation der Gestalt und Abbildung von Wolken hat im Laufe der Zeit zugenommen.

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Fortschreitende Technologie hat es uns ermöglicht, dass wir immer und überall unsere eigenen Wolkenstudien machen können. Ob mit der Hilfe von Handykameras, iPads oder von professionelleren Fotokameras fertigen Laien immer öfter (teilweise unbewusst und ungewollt) Wolkenstudien an.

Auch die immer billiger werdenden Flugtickets ermöglichen es, dass wir uns immer häufiger auf Wolkenlevel hinaufbegeben. Während es für ältere Generationen als eine Besonderheit galt Wolken aus nächster Nähe zu betrachten, ist es – dank Easyjet und Ryanair – für jüngere Generationen, ja beinahe zu einer Selbstverständlichkeit geworden, ins Flugzeug zu steigen anstatt eine längere Auto- oder Zugfahrt in Kauf zunehmen.

Wolken werden häufiger denn je von oben betrachtet und auf unseren Handys im Fotoordner automatisch gespeichert. So unbeständig wie das Wesen der Wolken ist, hat sich auch unser Leben in die selbe Richtung entwickelt. Vieles funktioniert schneller. Materielle Gegenstände verändern ihre Formen und werden durch Neuere ausgetauscht, wie zum Beispiel Handys, Computer, aber auch Kunstwerke.

Unser Leben ist somit wechselseitiger und unbeständiger geworden. Das Wiener Leopold Museum hat den Titel ihrer Wolkenausstellung, die bis 1. Juli zu sehen war, schließlich nicht ohne Grund „Wolken. Welt des Flüchtigen” genannt.

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