Franz Wanner: Eine Stadt unter Einfluss


Kommentar von Lisa Moravec zur Ausstellung / zum Künstlergespräch mit Daniela Stöppel, 20.04.2015, Originally published at Reflektor-M, 21/04/2015. 

Franz Wanner, Ausstellungsansicht von Eine Stadt unter Einfluss, Rathaushalle München, 2015.
Franz Wanner, Ausstellungsansicht von Eine Stadt unter Einfluss, Rathaushalle München, 2015.

Im Mittelpunkt des freimütigen Diskurses zwischen der Kunsthistorikerin Dr. Daniela Stöppel und dem Multimediakünstler Franz Wanner in der Münchner Rathausgalerie standen 150 Photographien, zwei Soundloops, drei Videokunstwerken und eine raum-umgreifende Objektinstallation.

Kennengelernt haben sich die beiden bei Wanners ersten Ausstellung im Kunstraum München vor einigen Jahren, wo Stöppel nun ehrenamtlicher Vorstand ist. Die Ausstellung „Eine Stadt unter Einfluss“ gleicht einer präzise ausgearbeiteten Collage an Arbeiten, die Franz Wanner während der letzen zwei Jahre in Frankfurt, im Museum für Photographie in Braunschweig, und Anfang dieses Jahres in der Sammlung für Photographie im Münchner Stadtmuseum unter dem Titel „Gift – Gegengift. Krankheitsbilder einer Stadt“ gezeigt hat.

Die Rathausgalerie der Kunsthalle eignete sich nicht nur wegen des systemintegrierten Springbrunnen des neogotisch Ausstellungsgebäude für dieses soziale Zusammenkommen für Photophile, sondern sie liefert auch Aufschluss über die verknüpfte Geschichte der Gemeinde Bad Tölz und München. Wanners offene und vertraute Art über seine Arbeit mit Stöppel zu sprechen, spiegelt sich ebenso visuell in seinen variierten medialen Arbeiten wieder.

In der Mitte des Raumes – direkt rechts neben den zusammengekommenen Kunstinteressierten – befindet sich eine Auswahl an bereits historisch-wirkenden Objekten der Bad Tölzer Kurgeschichte: Einstiege und Haltegriffe von Wasserrutschen, ein Bohrkern, Jodglashalter, Jodkompressionsmaschine, Springbrunnen etc.

Weitere Details des Bades lassen sich in den photographischen Arbeiten rundum die Installationen entdecken. Einzelne Wörter festgehalten mit Hilfe von Photographien, rekonstruierte Zeitungsartikel, dunkle Nischen in denen inszenierte Videoaufnahmen gezeigt werden, sowie ein Sound-Werk von erzählerischen Episoden über Olga Aschenbach, Gabriele Gast, Thomas Mann und Neil Young sprechen für sich selbst. Für Franz Wanner.

Insbesondere sind die erzählenden Photographien nicht auf Bilderbetitelungen und Werkerklärungen angewiesen um Bedeutung zu generieren, was die rahmenlose Hängung der Photographien noch weiter verdeutlicht. Doch bemerkte Wanner in dem Gespräch auch, dass einige Besucher dieser Ausstellung erklärende Texte vergebens suchten. Hier stellt sich die Frage, was akzeptieren wir als Fakten: Photos? Filme? Zeitungsartikel? Radiosendungen? Bücher?

Anstatt deutsche Zeitgeschichte und Kultur durch schriftliche Dokumentationen in einen öffentlichen Diskurs zu integrieren, zeigten die beiden in einem freigeführten Gespräch vor Publikum, wie kulturelles Interesse und Verständnis ohne schriftliche Wörter geweckt werden kann. Geradewegs heraus erzählte der in Bad Tölz geborene Franz Wanner, wie er über einen Zeitraum von zwei Jahren für die Ausstellung „eine Stadt unter Einfluss“ recherchiert hat.

In Archiven und persönlichen Gesprächen ging er der Tölzer Stadtgeschichte auf die Spur: erst vermarktete sich die Gemeinde als bayrische Bierstadt, im 19. Jahrhundert als Kurstadt mit Heilenwasserquellen, und während des Zweiten Weltkrieges befind sich ein KZ-Außenlager mit ca. 200 Zwangsarbeitern, die heute nahezu unbekannt sind, dort. Im Gespräch mit Daniela Stöppel war es dem Künstler besonders wichtig auf die selektierte Medienarbeit in Deutschland aufmerksam zu machen; was unter anderem darin resultiert, dass die wenigsten Deutschen wissen, dass die Gemeinde heute ein wichtiger Standpunkt für die deutsche Rüstungsindustrie ist.

Durch diese Gegenüberstellung und gleichzeitige Verschmelzung von Fakten (z.B. in der Form von ausgestellten Zeitungsartikel) und Fiktion (Video und Soundarbeiten) über die deutsche von der faschistischen Zeit geprägte Kleinstadt in dieser Ausstellung „Eine Stadt unter Einfluss“ wird ein neuer öffentlicher Diskurs geöffnet.

Das absichtliche Weglassen von textbasierten Interpretationen macht hier deutlich, dass der Ausstellungsbesucher die Aussage jedes Bildes, sowie die eines Textes, lesen muss, um zu verstehen. Sie und er müssen sich Zeit und Ruhe nehmen, um eigenen Gedanken freien Lauf lassen zu können.

Die Verbindung von individuellen und kollektiven Interpretation in Franz Wanners Sound-Bild-Erzählungen erwecken eine ähnliche Wirkung wie die Bad Tölzer Heilwasserquellen in ihren Besuchern – einen synästhetischen Einklang.

Franz Wanner, Eine Stad
Franz Wanner, Teil der Ausstellung: Eine Stadt unter Einfluss, München, 2015.

The English translation of this text is to be published soon.

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