Speed dating mit photophilen Frauen


Eine kleine Auswahl von Vanessa von Zitzewitzs Arbeiten sind unter dem Titel Appearances and Aesthetics noch bis 12. Juni 2015 in der Münchner Galerie Bernheimer zu sehen. 
Lisa Moravec Könnt Ihr beide mir ein bisschen erzählen wie das Thema der Ausstellung zu Stande gekommen ist? Im Besondern die Auswahl der Bilder, und die Idee dahinter?
Blanca Bernheimer
Die Ausstellung ist in einem relativ kurzen Zeitraum entstanden. Vanessa musste dafür in kurzer Zeit einiges zusammenstellen.
Vanessa von Zitzewitz
Aber wir wussten schon immer welche Bilder Dir gefallen, und daher wussten wir auch, welche in der ersten Ausstellung stehen sollten. Wir haben dann eigentlich nur gesagt, dass wir uns auf ein bestimmtes Thema festlegen, und eine genauere Auswahl treffen müssten – weil man nie alles zeigen kann.
B Mein Gedanke war, dass die Akte der Schwerpunkt sind, weil Du ja eine bestimmte Bekanntheit mit Einigen davon im Portraitbereich hast, und meistens auch in schwarz|weiß arbeitest – die neuesten Akte sind jetzt in Farbe – aber das Meiste hast du allerdings in s|w gearbeitet. Daher war die Überlegung, dass das von der Ästhetik her gut als eine Ausstellung zusammenpasst. Das Ganze bildet einen schönen Rahmen: diese beiden Themen.
V Ich habe ja auch viele Pferdebilder gemacht. Aber das war einfach zu chaotisch, sie unter die Anderen zu mischen. Und dann stand auch der Title Nudes, der beides repräsentiert, schon. Das ist auch die Richtung in der ich mich jetzt wirklich halten möchte.
Vanessa von Zitzewitz, Marwan I, Qatar, 2009.
Vanessa von Zitzewitz, Marwan I, Qatar, 2009.
B Für deine künstlerische Arbeit ist das auch wirklich so der Weg.
V Ja.
Vanessa von Zitzewitz, Skin Slapshes, Ibiza, 2014.
Vanessa von Zitzewitz, Skin Slapshes, Ibiza, 2014.
B Und gibt es dann ja auch Überschneidungen. Also das Titelbild von Diane Kruger, dass wir für die Ausstellung gewählt haben. Sie ist ja sehr berühmt. Man kann das Bildals ein Portrait sehen, aber es ist auch gleichzeitig ein Akt; von daher überschneiden sich die beiden Themen sehr.
Vanessa von Zitzewitz, Sleeping Angle, Digital Fine Art Print, 1999.
Vanessa von Zitzewitz, Sleeping Angle, Digital Fine Art Print, 1999.

L Zurück zum Thema Portraitphotographie, um was geht es Dir dabei? Und welches ist das wichtigste Element für Dich?

V Für mich ist wirklich das Wichtigste, die Persönlichkeit zu capturen – sag ich mal.
lachen 
Was bei Männer immer viel einfacher ist, da ja kein hair|styling|make-up dabei ist. Also bei den Meisten ist keines dabei. Dann photographiere ich sie, wie sie ins Studio angezogen ankommen. Somit kann ich mich auf die Persönlichkeit konzentrieren, und das ist sehr spannend für mich. Ich brauche da nicht viel mit Licht herumzuspielen, um Fältchen zu verdecken. Da ist dann wirklich schon der Charakter, die Expression und der charisme, den ich oft bei einem Mann sowieso viel wichtiger finde als Schönheit, im Mittelpunkt.
Wenn ich Frauen photographiere, ist das natürlich auch mit sensualité, Schönheit und Eleganz verbunden. Aber vielleicht weniger mit charisme, weil wir ja doch mit der Schönheit…
B mit der Oberfläche…
V ja, mehr spielen wollen. In dem Sinne dass ich denke, jede Frau möchte schon so schön aussehen wie möglich,
B ja natürlich
V und das ist anders als bei Männern.
B Wir sind eitler.
V Ja, anders. Dabei ist wirklich der – le regard – wie ein Mann mich dann auch anschaut sehr stark; was bei einer Frau dann nicht passiert. Also das ist eine ganz andere Art der Photographie.
L Und wie fühlst Du Dich selbst als Photograph dabei? Du bist eine Frau. Das Thema der weibliche Blick der Künstlerin erhält gerade in der Kunstgeschichte sehr viel Aufmerksamkeit.
Vanessa von Zitzewitz, Mick Jagger, Digital Fine Art Print, 2005.
Vanessa von Zitzewitz, Mick Jagger, Digital Fine Art Print, 2005.
V Ich denke, ich spiele auch damit, natürlich. Das Bild von Mick Jagger, wo er die Brille weiter runtergesetzt hat und mich dann so anschaut. Das ist natürlich kein innocenter Blick.
B schmunzeln
V Und deshalb ist das Photo auch so stark. Aber das ist halt, wie er ist. Das passiert bei einer Frau nicht so, wenn ich sie photographiere. Außer bei Grace Jones, die mag Frauen nämlich schon sehr gerne.
B herzliches lachen
Echt?
V Ja, also das ist mir auch schön öfters passiert bei einigen Models, die beide Richtungen gerne mögen. Da war ich auf St. Barthes mit einem bekannten Model – die ich hier jetzt nicht nennen werde – und die hat mir dann so
B Annährungsversuche
B|V|L lachen
L Um auf die Auswahl der Bilder zurückzukommen. Wie wichtig war es, dass Männer und Frauen ausgeglichen in der Ausstellung gezeigt werden?
B Gar nicht, ehrlich gesagt. Wir haben einfach die stärkeren Bilder – das stärkste Bild – gesucht. Und nicht, ob da nun ein Mann oder eine Frau darauf abgebildet ist. Also das war für uns eigentlich unerheblich.
V Obwohl es interessant wäre, das für die nächste Ausstellung wirklich ein Thema zu machen. Nur Männer oder nur Frauen.
B Das könnte man auch in deiner Arbeit gut filtern, denke ich.
L Das Bild, welches ich sehr herausstechend fand: ein Portrait von Giovanni Agnelli. Einmal als Triptich und einmal als Einzelportrait, zwischen Torino und Firenze von 1992. In der Ecke rechts, beim Eingang der Ausstellungsräume.Wie sind die Bilder entstanden, und warum hängen sie in der Ecke?
Vanessa von Zitzewitz, Gianni Agnelli, Gelatin Silver Print, 1992.
Vanessa von Zitzewitz, Gianni Agnelli, Gelatin Silver Print, 1992.
V Die Bilder sind entstanden, als ich ganz jung war. Da war ich 22. Noch jünger als Du. Ich hatte ein Privileg mit ihm in seinem Privatjet von Turin nach Firenze fliegen zu können; und war sehr, sehr scheu damals. Ich hatte meinen ersten Photoapparat dabei und habe ihn gefragt, ob ich ein paar snapshots von ihm machen dürfte. Mich überraschte es, dass die so gut geworden sind, weil ich damals…
B Unter deinen Portraits ist es wirklich eines deiner Stärksten.
V Ich denke, es ist auch das einzige Portrait, welches ich zu Hause bei mir hängen habe. Es ist definitive mein Lieblingsportrait. Gut, es ist auch nicht schwer von Agnelli ein gutes Bild zu machen, weil er dieses charismatische Gesicht und diese unglaubliche Eleganz hat, die ich bei einem Mann sehr wichtig finde. Und warum es in der Ecke hängt, das ist Blancas…
B Wir wollten die Bilder in die Ecke hängen weil wir einerseits den Triptychon und dann das einzelne Bild haben. Wir fanden, dass sie stärker wirken, wenn Sie zusammen in der Ecke hängen. Ich sehe natürlich die Räume – weil ich sie so gut kenne – natürlich immer aus einer anderen Perspektive, als jemand, der die Räume das erste Mal sieht. Ich sehe die Ecke nicht als die Ecke an, sondern, wenn Du einmal durch die Galerie läufst, drehst Du dich wiederzu ihr um. Und somit ist diese Wand, an der das einzelne Bild hängt ein starker Fokuspunkt. Aber wenn man immer in anderen Galerien ist, dankt man vielleicht auch an andere Sachen. Der Hauptgrund für diese Hängung war aber, dass wir gedacht haben, dass die beiden Bilder, das Triptychon und das Einzelportrait, stärker wirken, wenn sie nicht nebeneinander hängen.
L Ok. Du gesagt hast, dass Du 22 warst als diese Photos entstanden sind, wie alt warst Du bei den anderen? Und über welche Zeitspanne sind die Bilder entstanden?
V Das von Aginelli ist das älteste Portrait, und das Letzte ist vor ein paar Monaten entstanden. Also von jetzt, bis zurück über die letzten zwanzig Jahre.
V|B|L lachen
V Ja, zwanzig Jahre arbeite ich schon.
L Die Komponente Die Ästhetik, welche sich auch im Titel der Ausstellung finden lässt, ist wie wichtig in deinen Bildern? Und wie verknüpft sie sich mit dem Konzept, das hinter der Arbeit des Photographen steht, in dem Moment, in welchem sie|er arbeitet?
V Ich bin so stolz und glücklich, dass ich mit Blanca dieses Projekt nun zusammen habe, und für mich ist die Art, wie sie selbst ist, die Arbeiten die sie selbst präsentiert, die Stände, die sie organisiert z.B. auf Paris Photo, das ist immer alles in sich selbst ästhetisch. Gut, Du bist ein Ästhet, die Bilder die Du zeigst sind ästhetisch, das Konzept – sie hat den schönsten Stand bei Paris Photo –
B schmunzelt
V Nein, das meine ich wirklich ehrlich. Und so entstand auch die Wahl der Photos. Ich habe auch andere Bilder, aber ich weiß, das würde in Ihr Konzept, in Ihre Galerie, in Ihre ästhetische Form nicht reinpassen. Also vielleicht noch stärkere Bilder, die zum Beispiel Kritik an society factors üben. Was ich gestern schon erzählt habe…ich finde, heutzutage werden wir mit so vielen brutalen Bildern, wie diese Germanwings-Geschichte, ernährt. 24-Stunden am Tag, und ein, zwei Wochen später, hört man gar nichts mehr davon. Die Journalisten, die Presse, die Medien, die geben das den Rezipienten zum Essen wie verrückt, bis man das satt hat und dann soll man das wieder vergessen. Und das ist jeden Tag der Fall mit neuen Geschichten. Ob das nun der Fall bei Skandalgeschichten von prominenten Persönlichkeiten, oder bei politischen Events ist. Ich finde es sehr wichtig, dass unser Auge auch wieder etwas Ästhetisches, etwas Schönes, Etwas auf was man sich freuen kann, sieht. Etwas Positives. Ich bin meistens auch ziemlich schockiert, dass in den Medien und auch auf den Kunstmessen, die ich regelmäßig besuche, viele Künstler auf sich aufmerksam machen wollen, indem sie etwas Brutales oder Aggressives zeigen. Ich versuche wirklich das Gegenteil mit meiner Arbeit davon zu machen. Es gelingt mir unter anderem, weil ich einen vierjährigen Sohn habe, mache ich mir wirklich oft Gedanken darüber, in welche Gesellschaft er hineinwachsen wird, weil es wirklich hart ist.
B Und ich denke, da ist eben auch ganz klar, auf welcher Ebene wir beide uns entsprechen. Im Bezug auf die Ideen und auf diese klassische Ästhetik, welche wir lieben. Auch wenn viele sie langweilig finden.
V Schätzen.
B Ich, als Konzept meiner Arbeit, Du als Konzept deiner Arbeit, und die Folgen.
V Die Photos werden auch nicht älter.
B Nein. Genau, das hat etwas Zeitloses. Und genau deshalb hat es Etwas, das sich nicht so schnell übersättigt, überlebt. Wie du gerade gesagt hast, wir erleben Vieles einfach wahnsinnig schnelllebig – gerade in der Bilderwelt. Kommen und Gehen. Es ist nicht der absolute Trend, aber es ist eben zeitlos; es ist ästhetisch in dem Sinne, dass es klassisch ästhetisch ist. So habe ich immer mein Galerieprogramm gesehen. Und das war das, in dem wir uns kennengelernt haben, wo Vanessa und ich gesehen haben, dass wir beide das schätzen.
Aber ich glaube, das hat auch viel mit Erziehung zu tun.
B Vielleicht auch. Weil wir einen ähnlichen Background haben.
V Ja, denke ich auch. Es ist eben so, dass man doch mit einigen Objekten aufgewachsen ist, die schön sind.
B Ich habe auch im Katalog zu Vanessas Ausstellung geschrieben, dass man Ihrer Arbeit anmerkt, dass sie etwas von Kunstgeschichte versteht. Wie konstruiere ich ein Bild mit Licht, zum Beispiel, das vielleicht nicht super bewusst einsetzt, aber dass das eine Prägung ist. Das ist auch meine Prägung.
V Ja, das stimmt.
B Und da finden wir uns auch. Das ist das, wo wir diesen gemeinsamen Nenner haben. Und darum verstehst du auch warum ich
V Ich finde es auch sehr schön mit einer Frau zu arbeiten. Muss ich schon sagen.
B verblüfftes lächeln
Ich finde es auch sehr schön mit Dir zu arbeiten, aber ich würde nicht generalisieren: mit Frauen.
B | L | V heiteres lachen
Gut, das stimmt schon. Aber ich finde es angenehm, weil wir das aus der gleichen Perspektive sehen. Gestern wurde die ganze Zeit gesagt, dass meine Photographie erotisch ist, nein, das finde ich nicht. Ich denke nie an Erotik wenn ich einen Akt, oder eine Frau photographiere. Das hat nur mit Schönheit zu tun. Nun ich glaube, dass ein Mann das nun wieder anders sieht.
Sandro Botticelli, Die Geburt der Venus, Tempera auf Leinwand, zwischen 1482/85.
Sandro Botticelli, Die Geburt der Venus, Tempera auf Leinwand, zwischen 1482/85.
Ja das ist klar. Du hast gestern auch gesagt, dass die Venus von Botticelli nun für uns ja auch kein Porno ist. Das reißt ja niemanden mehr vom Hocker, bei dem was wir heute alles sehen. Aber zur damaligen Zeit war das Bild auf eine Art und Weise natürlich hoch erotisch. In dieser klassischen Erotik ist nichts Pornographisches, nichts Erotisches. Auf eine positive Weise sind deine Bilder natürlich hoch erotisch, aber sie sind nicht sexuell aufgeladen. Und das ist ein großer Unterschied. Da spielt der weibliche Blick natürlich eine sehr große Rolle.
V Ich denke auch, dass viele Personen, die ich photographiert habe, sich sonst auch nicht ausgezogen hätten. Vor
B vor Männern?
V Nein. Weil Victoria Beckham, die haben wir jetzt hier nicht ausgestellt, aber glaube nicht, dass sie damals…das war wieder ein Frauenprojekt. Und ich glaube, dass das sonst, wie Du gerade gesagt hast, ganz anders aussehen würde.
B Dann wäre das nicht so entstanden.
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